Reformation und Freiheit

Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg
8. September 2017 bis 21. Januar 2018

Eine Ausstellung des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte im Rahmen des Themenjahres Kulturland Brandenburg 2017 „Wort und Wirkung. Luther und die Folgen für Brandenburg“

In der Geschichte vom Thesenanschlag Luthers an der Tür der Wittenberger Schlosskirche 1517 hat der Beginn der Reformation sein dauerhaftes Symbol gefunden. Ohne Sinnbild blieb dagegen die ungeheure Sprengkraft von Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der er 1520 öffentlich auf den gegen ihn gerichteten päpstlichen Bann reagierte. Die 30 Thesen reformatorischer Glaubensinhalte elektrisierten Luthers Zeitgenossen und machten das Buch zum meistgedruckten Werk des 16. Jahrhunderts.

Reformation und Freiheit

Ausgehend von dieser Schrift Luthers fragt die Ausstellung nach der Sprengkraft der reformatorischen Glaubensinhalte in der Zeit des Umbruchs am Beginn der Neuzeit und begreift dabei Freiheit als Dreh- und Angelpunkt der Reformation: Freiheit vom Papst, politische Autonomie, Rebellion und Widerstand sowie Freiheit als Grundrecht.

Luther ging es um die Befreiung der Theologie aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft und aus der Festung, in die sie die institutionelle Kirche  gegen den Zugriff der Laien verschanzt hatte. Nicht mehr dem Papst stand die Entscheidung über die Wahrheit der Lehre zu, sondern mit dem Protestantismus traten unterschiedliche  theologische Deutungsangebote und Wahrheitsansprüche in Konkurrenz miteinander und ließen eine neue öffentliche Streitkultur entstehen. Luther erhob die Bibel zur Alleinautorität über das Gewissen eines jeden Christen und begrenzte dadurch die Macht kirchlicher wie weltlicher Obrigkeiten. Reformatorische Freiheit wurde seinen Zeitgenossen zum Motor für Aufbruch, Rebellion und Veränderung, aber vielen, die sich in ihrem Kampf um Gerechtigkeit und politische Freiheitsrechte vom Reformator vergeblich Unterstützung erhofften, auch zum Verhängnis.  Denn Luthers Freiheitsverständnis war ambivalent: Es ging ihm um religiöse, nicht um politische Freiheit.  Seine Forderung nach eigenverantwortlichem Denken und Handeln und seine Idee vom individuellen, unvermittelten Glauben waren zwar revolutionär, blieben aber ganz an seine Zeit gebunden, die von den Vernunftidealen der späteren Aufklärung weit entfernt war.

Kurfürstentum Brandenburg und Herzogtum Preußen

Die Ausstellung nimmt zwei Territorien in den Blick, die zu ganz unterschiedlichen europäischen Großmächten und Reformationslandschaften gehörten: Einerseits das Kurfürstentum Brandenburg, das eines der wichtigsten Territorien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation war, andererseits das Herzogtum Preußen, das 1525 zum ersten evangeli­schen Staat in Europa wurde. Das Herzogtum war Teil des Königreiches Polen, welches 1569 mit dem Großfürstentum Litauen zum polnisch-litauischen Großreich vereint wurde, und in dem Angehörige vieler Völker und ganz verschiedener christlicher Konfessionen zusammen lebten. Zeitlich reicht der europäische Vergleich vom Beginn der Reformation bis zur dynastischen Vereinigung der beiden Territorien 1618.

Was bedeutete den Menschen im Herzogtum Preußen und in der Mark Brandenburg die reformatorische Freiheit, und wie veränderte sie ihr Leben? Kennzeichnend für das 16. Jahrhundert ist die Vielfalt der Antworten auf diese Fragen. Die Ausstellung zeigt, wie und wozu sich Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten herausgefordert und ermutigt sahen: Neben der Kurfürstin Elisabeth, die als erste Angehörige des Brandenburgischen Hofs evangelisch wurde und ins Exil nach Kursachsen floh, steht beispielsweise der evangelische Prediger Joachim Ellefeld in Wilsnack, der aus Gewissensgründen 1552 widerrechtlich das „heilige Blut“ verbrannte – Hostien, deretwegen sich seit dem 14. Jahrhundert unzählige Pilger auf die Wilsnack-Wallfahrt zur Wunderblutkirche in das „Santiago des Nordens“ begeben hatten.

Um Gerechtigkeit ging es Hans Kohlhase, der als Michael Kohlhaas durch die gleichnamige Erzählung von Heinrich von Kleist Weltruhm erlangte. Er  rebellierte gegen die politische Obrigkeit, wandte sich in seinen Gewissensnöten an Martin Luther, konnte dessen Rat nicht folgen und wurde schließlich hingerichtet. Ähnlich erging es den aufständischen Bauern im preußischen Samland, die  religiöse Freiheit mit politischen Forderungen verbanden, sich 1525 gegen den Adel erhoben und dabei vergeblich auf die Unterstützung ihres evangelischen Landesherrn hofften. Ihre Revolte ist im Schatten des Deutschen Bauernkriegs weitgehend unbekannt geblieben.
In Erinnerung gerufen und gewürdigt wird auch die fundamentale Bedeutung, die die Reformation für die Herausbildung der Schriftsprachen Litauisch, Prussisch und Sorbisch sowie für die Weiterentwicklung der polnischen Sprache hatte.

Ausstellungs-Highlights und -themen

Die Ausstellung entsteht in enger deutsch-polnischer Partnerschaft und kann deshalb mit kunstgeschichtlich bemerkenswerten Objekten aufwarten: Exklusiv gezeigt werden Teile der kostbaren Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen. Sie umfasste einstmals 20 Bände mit reformatorischen Hauptwerken, die der Herzog mit außerordentlich wertvollen silbernen Einbänden versehen ließ und so zum Staatsschatz der evangelischen Landesherrschaft erhob. Eine solche Aufwertung von Büchern war im Europa des 16. Jahrhunderts einzigartig. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs galt die Silberbibliothek lange Zeit als verschollen. Heute wissen wir, dass 15 Bände in Polen bewahrt wurden, zwölf davon in der Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität Thorn/Toruń.

Zu den erstrangigen Exponaten gehört auch die einzige überlieferte Zeichnung, die Lucas Cranach d. Ä. von  Martin Luther anfertigte. Sie entstand um 1532 und kommt als Leihgabe aus schottischem Privatbesitz. Zu sehen ist auch der Trostbrief Luthers an Kohlhase mit der Aufforderung, den bewaffneten Widerstand gegen die Obrigkeit einzustellen.
Mit kostbaren Gemälde und Kunstkammerobjekten, herausragenden Archivalien und Alltagszeugnissen aus Museen, Bibliotheken, Archiven, Privatsammlungen und Kirchen des In- und Auslands bietet die Ausstellung zugleich ein Panorama der Vernetzung der Welt im vornationalen Zeitalter sowie der Vielfalt der Reformation im europäischen Kontext. Greifbar wird dabei  die existenzielle Wucht wie auch die Ambivalenz von Reformation und Freiheit in der Spannung zwischen religiösem Bekenntnis und politischer Wirklichkeit.

Eine eigene Ausstellungsebene ist Martin Luther und seiner reformatorischen Hauptschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ von 1520 gewidmet. Sie zeichnet die einzigartige Erfolgsgeschichte des kleinen Büchleins nach, das Luther zufolge „die ganze Summe des christlichen Lebens" enthält.
Im Zentrum steht hier ein Sensationsfund, der im Jahr 2015 in einer Humanistenbibliothek in Schlettstadt (Elsass) gemacht wurde: eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit ca. 50 handschriftlichen Anmerkungen Luthers, die nahezu wörtlich in einen Baseler Nachdruck von 1521 eingingen.
Was genau Martin Luther in seiner Zeit unter der „Freiheit eines Christenmenschen“ verstand, wird an Glaubensbildern des 16. Jahrhunderts ersichtlich, die aus Brandenburger Kirchen stammen.
Eine interaktive „Freiheitswerkstatt“ bietet den Besuchern Möglichkeiten, sich auch damit auseinanderzusetzen, dass und wie Luthers Freiheitsideen bis heute fortwirken. Die Fragen sind in ihrem Kern aktuell geblieben: Wie verändert innere Freiheit, Toleranz und geistiger Nonkonformismus das Leben? Was bedeutet und was nutzt Gewissens-, Glaubens- und Gedankenfreiheit den Menschen, denen Unrecht widerfährt? Wie verhält sich die Freiheit des Einzelnen zum Gewaltmonopol des Staates?

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Im Vorfeld der Ausstellung unternimmt eine Ringvorlesung „Reformation in Brandenburg und im östlichen Europa“ vom 19. April bis 19. Juli 2017, immer mittwochs, Streifzüge durch die Wirkungsgeschichte der Reformation in ganz Ostmitteleuropa. Neben Vorträgen gehören Filme sowie ein Abschlusskonzert zum Programm.
Veranstalter der Ringvorlesung sind das Deutsche Kulturforum östliches Europa, die Universität Potsdam und die Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte gGmbH.
Kooperationspartner sind die Konrad-Adenauer-Stiftung und Kulturfeste Brandenburg e. V.

Download Flyer zur Ringvorlesung (PDF, 205KB) »

Das Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm bietet u. a.:
  • Öffentliche Führungen für Erwachsene und Familien
  • Öffentliche Workshops
  • Gruppenführungen (in Deutsch, Englisch, Polnisch) für Kinder ab Klasse 3, Jugendliche und Erwachsene
  • Geführte Erkundungen mit Gruppenarbeit (für Schulklassen ab Klasse 5 bis Sekundarstufe II, Konfirmanden- und Jugendgruppen
  • Workshops für Erwachsene, Schulklassen (Sekundarstufe I und II), Konfirmanden- und Jugendgruppen
  • Ferienangebot für Hortgruppen
  • Vorträge u. v. m.

Download Programmflyer „Entdeckungen für Schülergruppen“
Download Programmflyer „Angebote für Gruppen“

Schirmherrschaft

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Bundesministers des Auswärtigen Sigmar Gabriel.

Förderer

Die Ausstellung wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages und mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Die Ausstellung ist ein Projekt im Rahmen des Themenjahres von Kulturland Brandenburg 2017 „Wort und Wirkung. Luther und die Reformation in Brandenburg“.

Kooperationspartner

Brandenburgische Historische Kommission e. V.
Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege
Deutsches Kulturforum östliches Europa e. V.
Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Freie Universität Berlin (Lehrstuhl Prof. Dr. Daniela Hacke, Geschichte der Frühen Neuzeit)
Humboldt-Universität Berlin (Theologische Fakultät)
Kreismuseum Allenstein/Olsztyn
Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg e. V.
Museum Festung Küstrin/ Kostrzyn
Reformationsausstellung Frankfurt/Oder
Universität Potsdam
Universitätsbibliothek Thorn/Toruń
Verein für Brandenburgische Kirchengeschichte e. V.

Öffnungszeiten

Dienstag bis Donnerstag 10–17 Uhr
Freitag bis Sonntag
und an Feiertagen 10–18 Uhr
Montag geschlossen

Eintritt

7 Euro, ermäßigt 5 Euro, freitags 5 Euro
bis 18 Jahre und für Inhaber des Mobilitätstickets: frei
Sonderkonditionen für Gruppen, Schulklassen, Familien und für Kombikarten

Kasse und Informationen

Tel.: +49 331 620 85-50
kasse[at]gesellschaft-kultur-geschichte.de

Anmeldung und Buchung für Gruppen

Es empfiehlt sich, Gruppenbesuche beim Besucherservice anzumelden.
Tel: +49 331 620 85-55
besucherservice[at]gesellschaft-kultur-geschichte.de

Begleitprogramm zur Ausstellung